Antiqua und
Fraktur

© Jürgen F. Schopp
Universität Tampere (Finnland), 2002
1. Bearbeitung: 21. 9. 2002

Die Einführung der Antiqua als Druckschrift für den deutschsprachigen Kulturraum, die die Nazibehörden am 3. 1. 1941 per Erlaß vornahmen, beendete eine rund 400jährige Geschichte der gebrochenen Schriften im Buchdruck, deren Entwicklung sich kurz mit dem Motto „Vom international gebräuchlichen Schrifttypus über das Kleid der deutschen Sprache zum ideologischen Symbol“ charakterisieren läßt. Der Status quo des Jahres 1928 läßt den jungen Jan Tschichold, den Begründer der Neuen Typographie, gegen die Fraktur Stellung beziehen:

Der betont nationale, partikularistische Charakter der Fraktur, aber auch der entsprechenden Nationalschriften anderer Völker, zum Beispiel des Russischen oder Chinesischen, widerspricht den heutigen übernationalen Bindungen der Völker und zwingt zu ihrer unabwendbaren Beseitigung. … An ihr festzuhalten, ist Rückschritt. Die lateinische Schrift ist die internationale Schrift der Zukunft.“ (Tschichold 1928/1987:77)

Die Fraktur, oft ungenau auch als „deutsche Schrift“ bezeichnet,/1/ ist die jüngste Stufe der sog. „gebrochenen Schriften“. Ebenso wie die Antiqua, hat auch sie ihre Wurzeln in der Karolingischen Minuskel zu suchen. Sie galt fast bis in die Mitte unseres Jahrhunderts nicht ganz zu Unrecht als die deutsche Schrift und hat diesen Status größtenteils im Ausland beibehalten. Entwickelt hat sie sich im deutschen Kulturraum „aus der Schwabacher Schrift unter Aufnahme gewisser anderer Elemente“ (Jensen 1969:533). Das Verhältnis von Antiqua und Fraktur/2/  war im deutschsprachigen Kulturraum einer Reihe von Belastungen ausgesetzt, die von 1881 bis 1941 in einem Schriftstreit gipfelten, der 1941 durch das Frakturverbot der Nazis zugunsten der Antiqua entschieden wurde. Hier seien einige wichtige Abschnitte dargestellt./3/ Schon füh zeichnete sich ein religiös-ideologischer Gegensatz zur Antiqua ab. So wird angenommen, daß Luther seine Schriften bewußt in gebrochenen Schriften setzten und drucken ließ, um sich von den Renaissancepäpsten zu distanzieren (vgl. Jegensdorf 1980, 35; Hartmann 1998:27). Bis Mitte des 16. Jahrhunderts hatte sich dann die Verknüpfung von Sprach- und Schriftform herauskristallisiert. Ein Beispiel gibt uns Goethes Mutter, die am 15. Juni 1794 an ihren Sohn schrieb, sie sei froh, daß er den Reineke Fuchs nicht mit „den mir so fatalen Lateinischen Lettern“ habe drucken lassen und fortfährt: „Beym Römischen Carneval da mags noch hingehen – aber sonst im übrigen bitte ich dich: bleibe deusch [!] auch in den Buchstaben.“ (zit. n. Bach 1970:302f) Und vier Jahre später schreibt sie über die Antiqua-Lettern in einem anderen Brief (vom 12. März 1798) an Goethe vom „Schaden, den sie der Menschheit thun“ (ibid). Diese Verbindung von Schrift und Sprache (siehe auch das Beispiel in Mark Twains A Connecticut Yankee) und darauf gründend die spätere Gleichsetzung mit Nation ist allgemein weiterhin im Ausland als Stereotyp verbreitet (s. Tabelle und Abbildung in Assoziative Wirkung von Schrift 2) und wird vor allem in den Nachbarkulturen des deutschen Raums z. B. in der Werbung eingesetzt, wenn etwas als „typisch deutsch“ charakterisiert werden soll. Einen politisch-nationalen Akzent erhielt die Fraktur während der Befreiungskriege gegen Napoleon. Von da an kam es zunehmend zur Verbindung von gebrochenen Schriften und deutsch-nationalen Tendenzen (Hartmann 1998:29), die sich durch den Aufstieg Deutschlands zu wirtschaftlicher Weltgeltung noch verstärkten (Jegensdorf 1980:69). Doch hatte es durchaus nicht an kritischen Stimmen gefehlt, vor allem aus dem Kreis der Gelehrten. So machte der Grammatiker und Enzyklopädist Adelung 1765 die Fraktur dafür verantwortlich, daß man sich im Ausland davon abhalten ließ, Deutsch zu lernen und zu lesen (Hartmann 1998:28). Jakob Grimm, für den die Antiqua die Schrift der Gebildeten ist, während er die Fraktur als Schrift des (gemeinen) Volkes charakterisiert, führt im Vorwort zum Deutschen Wörterbuch eine ganze Reihe von Einwänden gegen die Fraktur an, „die ungestalte und häszliche schrift, die noch immer unsere meisten bücher gegenüber denen aller übrigen gebildeten völker von auszen barbarisch erscheinen läszt“ (Grimm 1854:Sp. LII); und an anderer Stelle meint er: „Leider nennt man diese verdorbne und geschmacklose schrift sogar eine deutsche“ (ibid). Die z.T. auf die Einführung amerikanischer Schreibmaschinen mit Antiquatypen zurückgehende, zunehmende Verbreitung der Antiqua auch im Geschäftsverkehr und amtlichen Schriftverkehr und die Gründung des Vereins für Altschrift/4/ durch Friedrich Soennecken (oder F.W. Fricke) im Jahr 1885/1886 riefen die Verfechter der Fraktur auf den Plan und lösten die öffentliche Debatte um die Schriftfrage aus. So kam es 1887 durch den Antiquagegner Hermann von Pfister zur Ideologisierung der Schriftfrage in seiner Abhandlung Über deutsche und lateinische Buchstaben:

Auf die beiden von ihm zu Beginn seiner Ausführungen genannten Argumente geht der Verfasser [Pfister] mit nationalistischen und völkischen Gegenargumenten ein, indem er die deutsche Schrift als bewahrenswerte Eigentümlichkeit des deutschen Volkstums darstellt. Somit findet hier eine Ideologisierung der Schriftfrage statt, da es nun nicht mehr um die praktische Anwendbarkeit beider Schriftarten oder um pädagogische oder wirtschaftliche Aspekte geht, sondern um die Bedeutung der Schrift innerhalb einer ideologischen Richtung. (Hartmann 1998:41)

Aus dem nun folgenden Schriftstreit, der bis in den deutschen Reichstag getragen wurde, wo zwischen 1908 und 1911 die Schriftfrage mehrfach behandelt wurde und die Antiqua so prominente Verfechter wie Gustav Stresemann fand, seien hier nur einige Stationen erwähnt: 1907 erschien eine Schrift von Gustav Ruprecht mit dem Titel Das Kleid der deutschen Sprache. Am 1. April 1918 kam es in Berlin durch Fritz Kern, Wilhelm Pickert und Gustav Ruprecht zur Gründung des Bundes für deutsche Schrift, dessen Intentionen und Motive im Motto zusammenfassen lassen: „Deutsche Schrift für deutsches Wort“ (zit. n. Hartmann 1998:87) oder wie es hieß: „ daß deutsches Wort, wo irgend angängig, in deutsches Gewand gekleidet wird“ (Hartmann 1998:95).

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten kommt es zunächst zu einem Aufschwung für die gebrochenen Schriften, und Vetreter des Regimes – wie Reichsinnenminister Frick – verkündeten nach der Regierungsübernahme, daß die deutsche Schrift im Nationalsozialismus zu pflegen sei. So wird im Juni 1933 ernsthaft vorgeschlagen, für das Reichsinnenministerium Schreibmaschinen mit deutschen Schriftzeichen (also Fraktur!) einzuführen und am 30. 7. 1937 kam es zu einer Verfügung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda, derzufoge im jüdischen Buchhandel für alle Drucksachen und Veröffentlichungen die Antiqua verwendet werden mußte: Mit dieser Maßnahme wurde offensichtlich die Intention verfolgt, die Besetzungen, die die Schriftarten Antiqua und Fraktur im Verlauf des Schriftstreits durch die Frakturbefürworter erhalten hatten, zur Diskriminierung und Stigmatisierung des jüdischen Buchhandels zu nutzen. (Hartmann 1998:179)

Doch waren bei weitem nicht alle NS-Spitzenpolitiker Frakturförderer. So erklärte Hitler in seiner Kulturrede von 1934: „der nationalsozialistische Staat müsse sich verwahren gegen das plötzliche Auftauchen jener Rückwärtse, die dem deutschen Volk Strassenbenennungen und Maschinenschrift in echt gotischen Lettern aufdrängen wollen“ (zit. n. Hartmann 1998:146). Der März 1940 brachte eine Änderung der offiziellen Haltung der nationalsozialistischen Parteiführung. In einem Erlaß von Goebbels wurde angeordnet, alles für das Ausland bestimmte Propagandamaterial sei zukünftig in Antiqua zu drucken. Am 3. Januar 1941 kam es schließlich für die Öffentlichkeit völlig überraschend zum Frakturverbot und der Einführung der Antiqua als „Normalschrift“. Diese „ideologisch-pragmatische“ Wende führte nun zwar auch im deutschen Kulturraum zur Etablierung der Antiqua als Leseschrift, wurde aber, was die Assoziation der gebrochenen Schriften betrifft, weder im Ausland nachvollzogen, noch von rechtsextremen Gruppierungen. So blieb es im Ausland beim Stereotyp „gebrochene Schrift = typisch deutsch“ und dem Bedeutungskomplex die Deutschen, Deutschland, deutsches Wesen, deutsche Eigenart (s. Tabelle) Die Verwendung der gebrochenen Schrift ist in solchen Fällen nicht politisch motiviert, sondern entspricht den gängigen Stereotypen. Damit steht sie aber im Gegensatz zum innerdeutschen Gebrauch, bei dem eine Bedeutungsaufspaltung und -verengung zu beobachten ist: Im Anschluß an die vorgenannte Tradition dienen – trotz oder in Unkenntnis des Frakturverbots der nationalsozialistischen Behörden von 1941 – intrakulturell gebrochene Schriften zur Selbstidentifizierung und -darstellung rechtsextremer und neonazistischer Gruppen und Gruppierungen einer Kulturgemeinschaft (wir „echten“ Deutschen etc.). In einem dritten Bedeutungskomplex verwendet – ebenfalls meist intrakulturell – die Mehrheit der Kulturgemeinschaft bzw. Nation gebrochene Schriften zum Verweis auf die braune Vergangenheit Deutschlands oder zur Ab- und Ausgrenzung rechtsextremer Gruppen (Bedeutung: Nazi, Neonazi, Naziherrschaft, Nazideutschland etc.) wie in der abgebildeten österreichischen Wahlannonce aus dem Jahr 1994. Die ursprüngliche Bindung der Fraktur an Texte in deutscher Sprache wird heute noch vom Bund für deutsche Schrift und Sprache vertreten (vgl. Roemheld 1997:5f), spielt aber in der öffentlichen Diskussion keine große Rolle mehr. Als Relikt der ursprünglich sprachlichen Bindung bzw. sprachspezifischen Verwendung von Fraktur und Antiqua findet sich allerdings auch noch in der neuesten, der 22. Auflage der Duden-Rechtschreibung im Kapitel Textverarbeitung (früher: Richtlinien für den Schriftsatz) der Abschnitt Antiqua im Fraktursatz (Duden 2000:90f). Zusammenfassend läßt sich also feststellen, daß gebrochene Schriften, insbesondere die Fraktur, in Zeichenfunktion (als Signifikant (Saussure) bzw. Repräsentamen (Peirce) oder Mittel (Bense) für das Bedeutungsfeld „deutsch“ derzeitig hauptsächlich in vier, teilweise stark divergierenden „Bedeutungen“ verwendet werden, die sich folgendermaßen darstellen lassen:
 
Bezeichnende Bezeichnetes/
Objekt/Referent/
Denotat
Bedeutung/
Interpretant
Zeichenfunktion
Nichtdeutsche bzw. Nachbarn der Deutschen Deutsche bzw. Deutsches  im allgemeinen (typisch) deutsch, Deutschland, die Deutschen Nationale Kennzeichnung (Stereotyp)
Deutsche allgemein Rechtsextreme Deutsche neonazistisch, Nazi, rechtsradikal Politische Kennzeichnung, Aus-/Abgrenzung
Rechtsextreme Deutsche sich selbst / Rechtsextreme Deutsche wirklich/echt deutsch; „wir wahren Deutschen“ Abgrenzung; Selbstdarstellung
(deutsche) Frakturfreunde deutschsprachige Texte „deutsch“ (visuell) Markierung der Sprache

Aus dieser Sachlage heraus entsteht u. U. ein visuelles Übersetzungsproblem, indem die in der Ausgangskultur eingesetzte oder vom Layouter der Ausgangskultur für zielsprachliche Drucksachen vorgesehene Schrift in der Zielkultur andere Assoziationen auslöst und damit die Botschaft entstellt bzw. verfälscht.

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ANMERKUNGEN

/1/ Diese Bezeichnung ist nicht eindeutig: Im weitesten Sinn verwendet man (z. B. Roemheld/Delbanco 1997) sie als Sammelbegriff für alle gebrochenen Schriften (Gotisch, Schwabacher, Fraktur u. a.) und läßt damit außer Acht, daß diese in einem Großteil des europäischen Kulturraums verbreitet waren (vgl. auch Grimm 1854, LIII). Im engeren Sinn trifft der Ausdruck auf die Fraktur und insbesonders auf die davon abgeleiteten deutschen Schreibschriften (Deutsche Kurrent, Sütterlin, Offenbacher Schrift) zu. Die Einbeziehung von gotischen Schriften hat allerdings ihre natürliche Ursache darin, daß für Laien die charakteristischen peripheren graphischen Merkmale nicht unterscheidbar sind. Im Glossar von Gulbins/Kahrmann findet sich das Stichwort „Gotische Schriften“ als Oberbegriff für alle gebrochene Schriften und daneben zur Illustration eine Frakturschrift (1993, 325). So findet eine Reduzierung auf das gemeinsame Merkmal „gebrochen“ statt – vielleicht erklärt dieser Umstand auch den Verweis auf die „echt gotischen Lettern“ in Hitlers Kulturrede von 1934.

/2/ Beide Bezeichnungen sind polysem: Antiqua verwendet man 1) als Sammelbegriff für die runden Schriften im Gegensatz zu den gebrochenen; 2) im engeren Sinn (vor allem umgangssprachlich) für serifennormale Schriften im Gegensatz zur Grotesk. Fraktur tritt auf in der Bedeutung 1) vor allem umgangssprachlich als Sammelbegriff für alle gebrochene Schriften; 2) im engeren Sinn (und fachsprachlich) für die in Deutschland parallel zur Schwabacher entstandene Verkehrs- und Druckschrift. Ich verwende Antiqua stets in der Bedeutung 1), Fraktur in Bedeutung 2).

/3/ Eine ausführliche Darstellung zur Geschichte beider Schriftgruppen im deutschen Kulturraum bietet Hartmann (1998), die hier zusammenfassend referiert wird.

/4/ Altschrift ist die deutsche Bezeichnung der Antiqua.

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